EXPLORATIONS
Auf Vorschlag der Eidgenössischen Kunstkommission vertreten vier Professuren der Architekturfakultäten der Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Lausanne und Zürich die Schweiz offiziell an der 11. Internationalen Architekturausstellung in Venedig. In der vom Architekten Reto Geiser kuratierten Ausstellung EXPLORATIONS: Teaching, Design, Research liefert der Schweizer Pavillon in den Giardini – dem Gelände der Biennale – vielfältige Einblicke in das fruchtbare Spannungsfeld, in dem sich Entwurfslehre und Forschung heute bewegen.
Schweizer Pavillon
La Biennale di Venezia, Giardini di Castello
14. September bis 23. November 2008
Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr
Die Ausstellung
Noch vor kurzem war die Schweizer Architektur massgeblich von praktischen Aspekten des Bauens geprägt. Während markante Bewegungen auf theoretischem und spekulativem Gebiet zu verzeichnen sind, ist es bemerkenswert, dass materielle Aspekte und die Präzision des Bauens in zahlreichen Forschungs- und Lehrprojekten immer noch tief verwurzelt sind. Mit der Unterzeichnung der Bologna-Deklaration von 1999 stimmten 29 europäische Länder einer Bildungsreform zu, die die Universitätslandschaft in Europa nachhaltig veränderte. Im Herbst 2007 wurde die Reform an den Schweizer Hochschulen implementiert, mit dem Ziel, die höhere Bildung zu harmonisieren. und Anstoss zu Forschungstätigkeiten zu geben, nicht nur auf dem Gebiet der Natur- und Geisteswissenschaften, sondern auch auf dem weiten Feld der entwurfsorientierten Fächer. Dieser Umbruch in der Erziehungspolitik hat bedeutende Konsequenzen für Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Architektur mit sich gebracht.
Diese Ausstellung soll Diskussionen anregen vorgegebene Konzepte in Frage stellen und den Wirkungsbereich der Architekturforschung im Verhältnis zu Lehre und Entwurf ausweiten. Der Begriff «Entwurfsforschung» soll in Fachgebiet Architektur verhandelt werden, um ihn und das akademische Feld, dass er beschreibt, präziser zu umschreiben. Die ausgestellten Projekte zeigen, wie weit Schweizer Architektur den Blick bereits über rein physische Fragen des Bauens hinaus richtet, mit der Absicht, ihren Einfluss auf die gebaute Umwelt neu zu bestimmen
Die Fragen, die diese Arbeiten unmittelbar aufwerfen, ist, wie Forschung in einem entwurfsorientierten, kreativ-technischen Feld definiert werden kann. Architekturforschung schöpft ihr Potential nicht aus, wenn sie sich nur auf eine präzise Darstellung des Problems beschränkt, sondern wenn sie Wissensgebiete in einer Weise miteinander verknüpft, die nicht unbedingt der akademischen Tradition entspricht. Die Geistes- und Naturwissenschaften werden mit praxisorientierten, heuristisch-kreativen Herangehensweisen kombiniert und dadurch der Entwurfsprozess transformiert. Versteht man Entwurf als Forschungsinstrument, dann kann er verbinden, was normalerweise getrennt bleibt.
Ausgehend von vier Fallstudien der Eidgenössischen Technischen Hochschulen in Lausanne und Zürich präsentiert die Ausstellung verschiedene Blickwinkel auf die angewandte Entwurfsforschung, um für die Erkennung des Potentials von Lehre als Forschungsapparat zu plädieren. Wie diese Beispiele zeigen, weicht die individuelle Autorenschaft einer kollektiven Gruppenidentität. Die einst statische Entwurfsklasse verwandelt sich in ein Versuchslabor, eine Diskussionsplattform und einen Ideen- und Konzeptverdichter, der den Sachverstand eines weiten Personenkreises und zahlreicher Interessengebebiete fruchtbar macht. Es bietet ein produktives Forschungsumfeld, indem es unterschiedliche Netzwerke verbindet, scheinbar unantastbare Technologien adaptiert und didaktische und methodologische Strukturen testet.
Die Ausstellung rückt die Widersprüche und die Vielschichtigkeit der räumlichen, organisatorischen und technologischen Dynamik in den Brennpunkt, die jede Diskussion der Disziplin kennzeichnen. Die hier ausgestellten Inhalte erlauben, Eigenheiten und Potentiale der Architekturforschung kritisch zu befragen und so Positionen zu formen oder zu akzentuieren. Damit laden sie dazu ein, Diskussionsräume zu eröffnen und Perspektiven zu weiten, die Möglichkeiten und Begrenzungen dieses besonderen Modus der Weltbegegnung abzustecken.
Die Ausstellungsarchitektur
Eine über 100 Meter lange, Raum bildende Backsteinwand strukturiert die vier thematischen Bereiche der Ausstellung EXPLORATIONS. Der integrative Entwurfs- und Produktionsprozess, der die unmittelbar physische Facette aktueller Architekturforschung greifbar macht, lag in den Händen von Fabio Gramazio und Matthias Kohler und ihrer Professur für Architektur und Digitale Fabrikation an der ETH Zürich. Dieses oszillierende Bauelement – entwickelt in einem speziell für diese Ausstellung etablierten Forschungsprojekt – wurde durch die mobile Roboteranlage R-O-B vor Ort in Venedig errichtet.